Das Mitglieder-Magazin - Ausgabe 85

Seite 9 Kleine Momente, große Verlässlichkeit Was nach dem Einzug gewachsen ist, lässt sich in Geschichten fassen – kleine und große, stille und dramatische. Jutta Graefe erlitt einen Schlaganfall. Sie stand im Hausflur, merkte, dass ihr linkes Bein sich anfühlte wie Watte, rief Petra Riße und Ehepartner Thomas Wollmeiner an. Beide waren sofort zur Stelle, Minuten später war der Krankenwagen da. „Die Ärztin im Krankenhaus sagte oft: Was haben Sie für ein Glück gehabt“, erinnert sich Jutta. Ihre eigene Erklärung ist einfach: „Wir haben die Feuerwehr im Haus.“ Petra Riße und ihr Partner sind tatsächlich Feuerwehrleute. Aber das Prinzip gilt für alle hier. Als Franz Dubert vor dem Gartentor stürzte, rannten Nachbarn durch den Garten, riefen den Krankenwagen, blieben da. Als Renate Ries auf den Rollstuhl angewiesen war, brachten Nachbarn Getränke hoch, schleppten Einkäufe, halfen ohne Aufhebens. Als Starkregen den Keller flutete, kamen alle mit Eimern, auch diejenigen, die körperlich nicht wirklich konnten. „Wenn ich sehe, ihr helft, muss ich auch helfen“, sagt Jutta Graefe. So geht das hier. Besonderes wird Normalität Renate Ries, 86 Jahre alt, hat ihr ganzes Leben in einem Einfamilienhaus gewohnt, über 40 Jahre lang, in der Ruhe des Eigenheims. Das Gemeinschaftsleben kannte sie nicht. „Ich habe mir gar keine Sorgen gemacht“, sagt sie. „Ich dachte, guck mal, wie das so ist.“ Heute ist sie eine unverzichtbare Seele der Gemeinschaft. Zu Nikolaus hängt sie Überraschungen vor die Türen. Zum Jahresende schreibt sie einen Rückblick, der dann im Treppenhaus aushängt – kurze Geschichten, Gedanken, ein bisschen Dank. „So eine Gemeinschaft bekomme ich nirgendwo.“ Was der Vermieter dazu beiträgt Die GWG hat daran einen nicht unerheblichen Anteil, auch wenn er still wirkt. Dennis Migotti, der damals die Belegung verantwortete, hatte nach Bewohnerinnen und Bewohnern geschaut, die zueinander passen könnten. „Das war ihm eine Herzensangelegenheit“, erinnert sich Frau Kather. Und man merkt es bis heute. Bei Problemen und Fragen ist das GWG-Team da und kümmet sich, zeitnah. Das ist es, was hier zählt. Nicht die große Geste, sondern die verlässliche. Die GWG übergibt nicht nur Schlüssel, sie schafft den Boden, auf dem so etwas wachsen kann. Was diese Menschen füreinander sind, lässt sich trotzdem nicht vermieten. Das entsteht von selbst: in langen Einzugswochenenden, in Nächten mit Wassereimern im Keller, in frisch gebackenen Pampelmusen-Torten. Genau das zeigt, was den genossenschaftlichen Gedanken ausmacht: Menschen, die selbst anpacken, einander helfen und füreinander einstehen. Was diese Gemeinschaft so besonders macht, können die Bewohnerinnen und Bewohner auf drei Punkte bringen, wenn man sie fragt. 1. Nur wer spricht, dem kann geholfen werden – miteinander reden, nicht übereinander. 2. Jeder bringt seine Stärken ein. Zusammen entsteht mehr, als jeder Einzelne erreichen könnte. 3. Respekt füreinander und jeden so sein lassen, wie er oder sie ist. Eigenarten gehören dazu, sie gehören zur Gemeinschaft. Aus den Nachbarinnen Martina Kather, Petra Riße und Jutta Graefe wurden Freundinnen. Ob spontanes Treffen in Juttas Wohnung oder gemeinsame Fahrt zum Schlagerboom: Was im Hausflur begann, geht längst weit über das Haus hinaus.

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